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Kreativität bei Kindern fördern: Wie Sie den Entdeckergeist bewahren

Kreativität bei Kindern fördern ✨ NASA-Studie & Forschung ✓ Loose Parts & Materialien ✓ Praktische Tipps für Eltern ✓

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January 22, 2026
Peter Maeder
Inhaltsverzeichnis

Kennen Sie das? Ihr Kind sitzt vor einem teuren Spielzeug – und spielt stattdessen begeistert mit dem Karton, in dem es verpackt war. Oder es verwandelt drei Kissen und eine Decke in ein Piratenschiff und segelt stundenlang durch imaginäre Meere.

Diese Momente zeigen, was Kinder von Natur aus mitbringen: eine grenzenlose Fantasie und die Fähigkeit, aus dem Einfachsten etwas Besonderes zu machen. Als Eltern fragen wir uns oft, wie wir diese Kreativität am besten unterstützen können – ohne sie durch gut gemeinte Angebote einzuengen.

Dieser Leitfaden gibt Ihnen praktische Werkzeuge an die Hand. Sie erfahren, warum Langeweile manchmal der beste Spielkamerad ist, welche Materialien die Fantasie wirklich anregen und wie Sie Ihr Kind begleiten können, ohne sein Spiel zu übernehmen. Dabei stützen wir uns auf Erkenntnisse aus der Entwicklungspsychologie und bewährte pädagogische Ansätze wie Montessori und Reggio Emilia.

Denn Kreativität ist viel mehr als Malen und Basteln – sie ist die Fähigkeit, Probleme zu lösen, eigene Ideen zu entwickeln und die Welt neugierig zu erkunden. Und das Schönste daran: Jedes Kind bringt dieses Potenzial bereits mit.

1. Was ist Kreativität eigentlich?

Wenn wir an kreative Kinder denken, haben viele von uns sofort bunte Bilder vor Augen: kleine Hände voller Fingerfarbe, Glitzer auf dem Küchentisch, selbstgebastelte Muttertagskarten. Doch Kreativität ist so viel mehr als das – und sie zeigt sich oft gerade dort, wo wir sie gar nicht erwarten.

Kreativität im Alltag erkennen

Stellen Sie sich vor: Ihre Zweijährige möchte an die Keksdose auf der Arbeitsplatte. Sie ist zu klein, um heranzureichen. Also schiebt sie einen Hocker heran, klettert hinauf – und als das noch nicht reicht, stapelt sie ein dickes Buch obendrauf. Ist das Kreativität? Absolut. Sie hat ein Problem erkannt, verschiedene Lösungen durchgespielt und eine funktionierende Strategie entwickelt.

Genau das verstehen Entwicklungspsychologen unter Kreativität: die Fähigkeit, neue Wege zu finden – Wege, die für das Kind selbst neu sind. Es muss keine weltbewegende Erfindung sein. Der Vierjährige, der entdeckt, dass sein Baustein auch als Telefon funktioniert, denkt genauso kreativ wie der Ingenieur, der eine neue Brückenkonstruktion entwirft.

Die drei Zutaten kreativen Denkens

Was braucht es, damit diese Art des Denkens entstehen kann? Forschung aus der Entwicklungspsychologie zeigt, dass drei Faktoren zusammenspielen:

Der flexible Geist: Die Fähigkeit, um die Ecke zu denken und nicht beim ersten Lösungsversuch stehenzubleiben. Kinder, die verschiedene Möglichkeiten durchprobieren, trainieren genau diese mentale Beweglichkeit.

Die mutige Haltung: Kreativität braucht ein bisschen Wagemut. Den Mut, etwas auszuprobieren, das vielleicht nicht funktioniert. Kinder, die Neues wagen dürfen, entwickeln diese Offenheit ganz natürlich.

Die sichere Umgebung: Niemand experimentiert gerne, wenn Fehler bestraft werden. Kreativität blüht dort, wo Kinder sich sicher fühlen – wo ein umgekippter Farbbecher kein Drama ist, sondern höchstens ein interessantes Muster auf dem Tisch hinterlässt.

Der feine Unterschied: Basteln ist nicht gleich Basteln

Hier lohnt sich ein genauerer Blick, denn nicht alles, was nach kreativer Beschäftigung aussieht, fördert tatsächlich kreatives Denken.

Kennen Sie diese Bastelsets, bei denen Kinder vorgestanzte Teile nach Anleitung zusammenkleben? Am Ende halten zwanzig Kinder zwanzig identische Schmetterlinge in der Hand. Das schult durchaus wichtige Fähigkeiten – Feinmotorik, Konzentration, das Befolgen von Schritten. Aber es ist im Grunde Reproduktion: Das Ergebnis steht von Anfang an fest.

Echte Kreativität beginnt dort, wo das Ende offen ist. Wenn Sie Ihrem Kind statt des Bastelsets einfach Papier, Kleber, Federn und Stoffreste hinlegen und sagen: "Mal sehen, was daraus wird" – dann kann alles entstehen. Ein Vogel, ein Raumschiff, oder etwas völlig Unbenennbares, das nur Ihr Kind versteht. Und genau das ist der Punkt.

Tabelle 1: Reproduktion vs. Kreativität

Aspekt

Reproduktion

Kreativität

Das Ergebnis

steht vorher fest

ist völlig offen

Der Prozess

einer Anleitung folgen

selbst entdecken und entscheiden

Was Kinder lernen

Feinmotorik, Anweisungen umsetzen

Problemlösung, "Ich kann das!"

Beide Arten von Aktivitäten haben ihren Platz. Aber wenn wir Kreativität fördern wollen, sollten wir bewusst mehr Raum für die offenen Momente schaffen.

2. Was im Kopf passiert: Warum die ersten Jahre so wertvoll sind

Vielleicht haben Sie sich schon einmal gefragt, warum kleine Kinder so mühelos zwischen Ideen springen können. Eben noch ist der Stock ein Schwert, im nächsten Moment eine Gitarre, dann ein Baby, das ins Bett gebracht werden muss. Dieses scheinbare Chaos hat einen Grund – und er liegt in der besonderen Art, wie Kindergehirne arbeiten.

Ein Gehirn im Aufbau

In den ersten sechs Lebensjahren passiert im Kopf Ihres Kindes etwas Erstaunliches: Mit jeder neuen Erfahrung entstehen Verbindungen zwischen Nervenzellen – kleine Brücken, über die Informationen fliessen. Je mehr Ihr Kind erlebt, desto dichter wird dieses Netzwerk.

Stellen Sie sich vor, Ihr Kind spielt im Garten mit Matsch. In diesem Moment arbeitet sein Gehirn auf Hochtouren: Es fühlt die kühle, glitschige Masse zwischen den Fingern. Es riecht die feuchte Erde. Es hält das Gleichgewicht, während es in die Hocke geht. Und vielleicht erzählt es dabei eine Geschichte über einen Bären, der einen Kuchen backt. All diese Bereiche – Tastsinn, Geruch, Bewegung, Sprache, Fantasie – werden gleichzeitig aktiv und beginnen, miteinander zu kommunizieren.

Genau das ist der Nährboden für Kreativität: ein Gehirn, in dem viele verschiedene Bereiche gut miteinander vernetzt sind. Je vielfältiger die Erfahrungen in diesen frühen Jahren, desto mehr Verbindungen entstehen – und desto flexibler kann Ihr Kind später denken.

Tagträumen ist Gehirnarbeit

Neurowissenschaftler haben herausgefunden, dass kreatives Denken ein Zusammenspiel verschiedener Gehirnnetzwerke erfordert. Besonders wichtig: das sogenannte "Ruhezustandsnetzwerk", das aktiv wird, wenn wir tagträumen, vor uns hin sinnieren oder gedankenverloren aus dem Fenster schauen.

Klingt unproduktiv? Ist es nicht. In diesen ruhigen Momenten entstehen neue Ideen, ungewöhnliche Verbindungen, kreative Einfälle. Das Gehirn sortiert im Hintergrund, probiert Verknüpfungen aus, spielt mit Möglichkeiten.

Bei Kindern ist dieses Netzwerk besonders aktiv – deshalb ihre "wilden" Assoziationen, ihre scheinbar aus dem Nichts kommenden Ideen. Der Haken: Dieses Netzwerk braucht Ruhe, um arbeiten zu können. Ständige Reize von aussen – Bildschirme, Dauerbeschallung, ein durchgetakteter Terminplan – lassen das Tagträumen gar nicht erst zu.

Was das für den Alltag bedeutet

Die gute Nachricht: Sie müssen kein Hirnforscher sein, um Ihrem Kind zu helfen. Zwei einfache Prinzipien reichen:

Vielfalt statt Perfektion: Ihr Kind braucht keine teuren Förderprogramme. Es braucht unterschiedliche Erfahrungen – matschen, klettern, Musik hören, Geschichten erfinden, mit anderen Kindern spielen. Jede neue Erfahrung stärkt das Netzwerk im Kopf.

Pausen statt Programm: Lassen Sie Lücken im Tag. Momente, in denen nichts passiert. In denen Ihr Kind aus dem Fenster schauen, vor sich hin summen oder scheinbar "nichts tun" darf. Genau dann arbeitet das kreative Gehirn am härtesten.

3. Sind manche Kinder einfach kreativer? Was die Forschung wirklich zeigt

"Mein Kind ist halt nicht so der kreative Typ." Diesen Satz hört man oft – von Eltern, die glauben, Kreativität sei wie blaue Augen oder Sommersprossen: Entweder man hat sie, oder eben nicht.

Die Forschung erzählt eine völlig andere Geschichte. Und sie ist ziemlich überraschend.

Das NASA-Experiment, das alles veränderte

1968 bekam der Forscher George Land einen ungewöhnlichen Auftrag: Er sollte für die NASA einen Test entwickeln, um besonders kreative Ingenieure zu finden – Menschen, die nicht nur Probleme lösen, sondern völlig neue Lösungswege erfinden können.

Der Test funktionierte gut. Doch dann kam Land auf eine Idee: Was würde passieren, wenn er denselben Test an kleinen Kindern durchführte?

Er testete 1.600 Kinder im Alter von vier bis fünf Jahren. Das Ergebnis war so erstaunlich, dass er die Kinder über Jahre hinweg weiter begleitete. Hier die Zahlen:

Tabelle 2: Ergebnisse der George-Land-Studie

Kreatives Genie nach Alter

Alter

Anteil "Kreatives Genie"

5 Jahre

98%

10 Jahre

30%

15 Jahre

12%

Erwachsene

2%

Lesen Sie das noch einmal: 98 Prozent aller Fünfjährigen denken auf dem Kreativitätsniveau, das die NASA bei ihren besten Ingenieuren sucht. Bei Erwachsenen sind es nur noch zwei Prozent.

Was passiert dazwischen?

Land's Schlussfolgerung war unbequem: Wir werden nicht unkreativ geboren – wir werden unkreativ gemacht. Irgendwo auf dem Weg vom Kindergarten ins Erwachsenenleben lernen die meisten Menschen, ihre kreativen Impulse zu unterdrücken.

Wie passiert das? Durch gut gemeinte Korrekturen ("So sieht doch kein Hund aus"), durch Systeme, die nur eine richtige Antwort kennen, durch den Druck, sich anzupassen statt aufzufallen. Kinder lernen schnell, dass "anders denken" riskant ist – und hören damit auf.

Andere Studien bestätigen diesen Trend. Seit den 1990er Jahren beobachten Forscher, dass die Kreativitätswerte von Kindern messbar sinken – obwohl ihre Intelligenzwerte steigen. Mehr Wissen, weniger Originalität.

Die gute Nachricht für Eltern

Diese Zahlen sind kein Grund zur Panik, sondern ein Grund zur Hoffnung. Denn sie bedeuten: Ihr Kind ist bereits kreativ. Es bringt diese Fähigkeit mit auf die Welt – genauso wie die Fähigkeit zu laufen oder zu sprechen.

Ihre Aufgabe ist nicht, Kreativität hinzuzufügen. Ihre Aufgabe ist, sie zu bewahren.

Das gelingt, wenn Kinder Räume haben, in denen es kein Richtig und Falsch gibt. In denen verrückte Ideen willkommen sind. In denen der Prozess zählt, nicht das Ergebnis. Ob zu Hause am Küchentisch oder in einer Kita, die diesen Prinzipien folgt – die Umgebung macht den Unterschied.

4. Zwei Arten zu denken – und warum Kinder beide brauchen

Stellen Sie sich vor, Sie fragen Ihr Kind: "Was könnte man mit einem leeren Schuhkarton machen?" Ein Erwachsener denkt vielleicht: Schuhe aufbewahren. Kleinzeug sortieren. Zum Altpapier bringen.

Ein Vierjähriger? Der sieht ein Bett für den Teddy, ein Rennauto, eine Schatztruhe, einen Ritterhelm, ein Aquarium für unsichtbare Fische, eine Garage, ein Gefängnis für böse Legofiguren...

Willkommen in der Welt des grenzenlosen Denkens.

Divergentes Denken: Der Entdecker-Modus

Diese Art zu denken – wild, assoziativ, ohne Rücksicht auf Logik – nennt man divergentes Denken. Der Begriff kommt daher, dass die Gedanken in alle Richtungen auseinanderlaufen (divergieren), statt auf einen Punkt zuzusteuern.

Im divergenten Modus gibt es kein Richtig oder Falsch. Nur Möglichkeiten. Je mehr, desto besser. Je verrückter, desto willkommener.

Kinder sind Meister dieses Modus. Fragen Sie mal: "Was kann man mit einer Büroklammer alles machen?" Erwachsene kommen auf drei, vier Ideen. Kinder? Eine Halskette, ein Angelhaken für Elfen, ein Skelett für eine Knetfigur, ein winziger Bilderrahmen, ein Schloss-Knacker für Puppenhaus-Einbrecher... Sie hören erst auf, wenn Sie sie stoppen.

Konvergentes Denken: Der Analytiker-Modus

Das Gegenstück ist das konvergente Denken – hier laufen die Gedanken zusammen (konvergieren) auf die eine richtige Lösung. Es ist logisch, prüfend, fokussiert.

"Wofür wurde die Büroklammer erfunden?" – "Um Papier zusammenzuhalten." Punkt. Eine Frage, eine Antwort.

Auch dieses Denken ist wichtig. Wir brauchen es, um aus hundert Ideen die beste auszuwählen. Um zu prüfen, ob ein Plan funktioniert. Um Mathe-Aufgaben zu lösen und Regeln zu verstehen.

Das Problem: Die Waage kippt zu früh

Beide Denkmodi haben ihren Platz. Echte Kreativität entsteht sogar genau im Wechselspiel: Erst divergent viele Ideen sammeln, dann konvergent die vielversprechendste auswählen und umsetzen.

Das Problem ist, dass Kinder viel zu früh ins konvergente Denken gedrängt werden. "Das Auto muss rot sein." "Der Himmel gehört nach oben." "So sieht doch kein Haus aus." Jede dieser gut gemeinten Korrekturen trainiert dem Kind ab, frei zu denken.

5. "Mir ist langweilig!" – Warum dieser Satz eigentlich eine gute Nachricht ist

Sonntagmittag. Das Essen ist abgeräumt, der Regen prasselt gegen die Scheiben. Und dann kommt er, dieser Satz: "Mama, mir ist sooo langweilig!" Die meisten Eltern kennen den Impuls, der dann folgt: Schnell etwas anbieten. Ein Spiel vorschlagen. Das Tablet holen. Irgendetwas, das dieses quengelige Unbehagen stoppt. Aber was, wenn genau das ein Fehler wäre?

Langeweile ist kein Problem – sie ist ein Anfang

Langeweile fühlt sich unangenehm an, für Kinder wie für Erwachsene. Sie signalisiert: "Das hier reicht mir nicht. Ich brauche etwas anderes." Und genau dieser kleine Druck ist wertvoll. Er ist der Motor, der das Gehirn anwirft und sagt: Dann erfinde doch selbst etwas.

Wenn wir diesen Moment sofort mit Unterhaltung füllen – mit einem Video, einem Vorschlag, einer Aktivität – nehmen wir dem Kind die Chance, selbst aktiv zu werden. Wir löschen das Feuer, bevor es überhaupt brennen kann.

Was im Kopf passiert, wenn "nichts" passiert

Erinnern Sie sich an das Ruhezustandsnetzwerk aus dem Gehirn-Kapitel? Es wird aktiv, wenn wir tagträumen, vor uns hin sinnieren, gedankenverloren Löcher in die Luft starren. Neurowissenschaftler nennen es das Default Mode Network – und es ist die Geburtsstätte kreativer Ideen.

Studien zeigen etwas Faszinierendes: Menschen, die sich vor einer kreativen Aufgabe erst eine Weile gelangweilt hatten, kamen auf deutlich originellere Lösungen als jene, die sofort loslegten. Die Langeweile hatte ihr Gehirn sozusagen "vorgewärmt" – es hatte schon im Hintergrund begonnen, mit Möglichkeiten zu spielen.

Bei Kindern funktioniert das genauso. Die ersten zehn Minuten nach dem "Mir ist langweilig" sind oft zäh. Aber dann passiert etwas: Das Kind beginnt, mit den Kissen auf dem Sofa eine Höhle zu bauen. Oder es holt die vergessene Kiste mit den Murmeln hervor. Oder es liegt auf dem Rücken und erfindet Geschichten über die Risse in der Zimmerdecke.

Dieses selbst-initiierte Spiel – Fachleute nennen es manchmal "Deep Play" – ist oft das reichste und kreativste überhaupt. Aber es braucht diese Anlaufzeit.

Wie Sie die Langeweile aushalten (und Ihr Kind auch)

Das ist leichter gesagt als getan, besonders wenn das Quengeln nervt. Ein paar Gedanken, die helfen können:

Das Gefühl anerkennen, ohne es zu lösen: "Ich verstehe, dir ist gerade langweilig. Das ist ein blödes Gefühl." Punkt. Kein "aber". Keine Vorschläge. Einfach da sein und abwarten.

Bildschirme nicht als Schnuller nutzen: Tablets und Fernsehen füllen das Vakuum sofort – aber sie verhindern, dass das Kind die Erfahrung macht, sich selbst aus der Langeweile zu befreien. Dieses "Ich habe dann doch was gefunden" ist ein wichtiges Erfolgserlebnis.

Zeit geben: Meistens dauert es 15 bis 20 Minuten, bis aus der Langeweile etwas Eigenes wächst. Das kann sich lang anfühlen. Aber es lohnt sich.

Vertrauen haben: Ihr Kind hat alles, was es braucht, um sich selbst zu beschäftigen. Es hat es nur vielleicht vergessen, weil wir Erwachsenen so gut darin geworden sind, jede Lücke zu füllen.

6. Der Raum als dritter Erzieher: Wie die Umgebung zum Spielen einlädt

Kennen Sie das? Sie betreten einen Raum und fühlen sich sofort wohl. Oder unwohl. Eingeladen oder abgewiesen. Ruhig oder unruhig. Räume sprechen zu uns – auch wenn sie kein Wort sagen.

Bei Kindern ist diese Wirkung noch viel stärker. Ein gut gestalteter Raum kann ein Kind zur Aktivität einladen, ohne dass ein Erwachsener etwas sagen muss. Er flüstert: "Hier gibt es etwas zu entdecken. Hier darfst du anfassen. Hier ist Platz für deine Ideen."

In der Reggio-Pädagogik, einem Ansatz aus Norditalien, nennt man den Raum deshalb den "dritten Erzieher" – gleichberechtigt neben Eltern und Pädagogen. Keine schlechte Idee: Der Raum ist schliesslich immer da, auch wenn wir gerade mit etwas anderem beschäftigt sind.

Was einen Raum einladend macht

Sie brauchen kein Architekturstudium und kein Pinterest-perfektes Kinderzimmer. Es sind oft kleine Dinge, die den Unterschied machen:

Kann mein Kind es erreichen?

Materialien, die in geschlossenen Schränken oder auf hohen Regalen liegen, existieren für kleine Kinder praktisch nicht. Was sie nicht sehen und nicht erreichen können, regt sie nicht an. Offene Regale auf Augenhöhe des Kindes hingegen sagen: "Bedien dich. Das hier ist für dich."

Das muss nicht das ganze Haus betreffen – eine Ecke reicht. Ein niedriges Regal im Wohnzimmer mit ein paar ausgewählten Materialien, die Ihr Kind jederzeit nehmen darf.

Wie sieht es aus?

Kinder reagieren auf Schönheit, genau wie wir. Ein Weidenkorb mit Holzbausteinen lädt anders ein als eine überquellende Plastikkiste, in der alles durcheinander liegt. Ein paar Stifte in einem hübschen Becher, daneben ein Stapel Papier – das ist bereits eine "Einladung zum Spiel", wie Pädagogen es nennen.

Es geht nicht um Perfektion oder Instagram-Ästhetik. Es geht um Klarheit: Das Kind soll auf einen Blick sehen, was da ist und was es damit tun könnte.

Wie ist das Licht?

Natürliches Licht verändert alles. Wenn möglich, platzieren Sie Kreativmaterialien in der Nähe eines Fensters. Ein einfacher Spiegel hinter der Bauecke lässt Türme doppelt so gross erscheinen und macht das Bauen spannender. Ein Lichtkasten (es gibt einfache, günstige Versionen) verwandelt durchsichtige Materialien in magische Objekte.

Darf es stehen bleiben?

Dieser Punkt wird oft unterschätzt. Wenn die Ritterburg jeden Abend abgeräumt werden muss, weil der Esstisch gebraucht wird, kann sie nie über sich hinauswachsen. Kreativität braucht manchmal Tage, nicht Stunden.

Vielleicht gibt es eine Ecke, in der ein Projekt eine Woche lang stehen bleiben darf. Vielleicht ein Brett, auf dem die Knetfiguren trocknen können, ohne gestört zu werden. Diese "unfertigen Bereiche" signalisieren: Deine Arbeit ist wichtig. Du kannst morgen weitermachen.

Weniger ist oft mehr

Ein letzter Gedanke zur Raumgestaltung: Zu viele Spielsachen überfordern. Studien zeigen, dass Kinder kreativer und ausdauernder spielen, wenn sie weniger Auswahl haben. Es kann sich lohnen, regelmässig zu rotieren – einen Teil der Spielsachen wegzuräumen und nach ein paar Wochen gegen andere auszutauschen. Das "neue" alte Spielzeug wird dann oft mit frischer Begeisterung wiederentdeckt.

7. Das beste Spielzeug kostet oft nichts: Die Theorie der "Loose Parts"

Erinnern Sie sich an den Anfang dieses Artikels? Das Kind, das den teuren Karton dem Spielzeug darin vorzieht? Dahinter steckt mehr als kindliche Sturheit. Dahinter steckt ein Prinzip, das ein britischer Architekt schon 1971 erkannt hat.

Simon Nicholson nannte es die "Theorie der losen Teile" (Loose Parts). Seine Beobachtung war einfach: Je mehr bewegliche, veränderbare, kombinierbare Dinge sich in einer Umgebung befinden, desto kreativer werden die Menschen darin – egal ob Kinder oder Erwachsene.

Warum der Stock das Rennauto schlägt

Schauen Sie sich ein typisches Spielzeugauto an. Es ist wunderschön designt, hat vielleicht sogar Soundeffekte und blinkende Lichter. Aber was kann es sein? Ein Auto. Vielleicht, mit etwas Fantasie, noch ein Raumschiff auf Rädern. Das war's.

Jetzt schauen Sie sich einen Stock an. Derselbe Stock kann sein:

  • ein Schwert
  • ein Zauberstab
  • ein Kochlöffel für die Matschküche
  • ein Fernrohr
  • ein Angelrute
  • ein Baby, das in den Schlaf gewiegt wird
  • ein Buchstabe "I"
  • ein Balancierbalken für Käfer
  • ein Bauteil für eine Hütte

Der Stock hat keinen vorgegebenen Zweck – und genau das macht ihn so wertvoll. Er wird zu dem, was das Kind gerade braucht. Pädagogen nennen solche Materialien "offen" oder "open-ended": Sie schreiben nicht vor, was mit ihnen passieren soll.

Die Sammlung, die nichts kostet

Das Schöne an losen Teilen: Die meisten haben Sie bereits zu Hause, finden Sie in der Natur oder können Sie kostenlos sammeln. Hier eine Übersicht zur Inspiration:

Tabelle 3: Loose Parts Kategorien

Loose Parts Kategorien

Kategorie

Beispiele

Aus der Natur

Steine, Muscheln, Tannenzapfen, Äste, Sand, Kastanien, Blätter, Rindenstücke

Aus dem Recycling

Korken, Kartons, Stoffreste, Knöpfe, Deckel, Klopapierrollen, Eierkartons

Aus dem Haushalt

Holzlöffel, Siebe, Töpfe, Tücher, Körbe, Wäscheklammern, Dosen

Zum Bauen

Holzklötze, Röhren, Bretter, Seile, grosse Steine

Zum Gestalten

Papier, Kleister, Ton, Wolle, Federn, Perlen, Knete

Sie müssen nicht alles auf einmal anbieten. Fangen Sie klein an: Eine Schale mit Kastanien und ein paar Bechern. Ein Korb mit Tüchern in verschiedenen Grössen. Eine Kiste mit Kartons und Klebeband.

Beobachten Sie, was passiert. Wahrscheinlich mehr, als Sie erwarten.

Ein Wort zur Sicherheit

Bei Kindern unter drei Jahren gilt besondere Vorsicht: Alles, was durch eine Klopapierrolle passt, ist ein potenzielles Erstickungsrisiko. Für die Kleinsten eignen sich grosse Loose Parts – Tücher, Holzscheiben, Kochlöffel, grosse Dosen, Körbe zum Ein- und Ausräumen.

Mit zunehmendem Alter kann die Sammlung dann wachsen – und mit ihr die Möglichkeiten.

8. Der Weg ist das Ziel: Warum das fertige Bild gar nicht so wichtig ist

Stellen Sie sich zwei Szenen vor:

Szene 1: Zwanzig Kinder sitzen an Tischen. Vor jedem liegt ein Set: Ein vorgezeichneter Weihnachtsmann, rote und weisse Papierteile, ein Klebestift. Die Erzieherin zeigt, wo was hingeklebt wird. Nach dreissig Minuten hängen zwanzig identische Weihnachtsmänner an der Wand. Die Eltern sind entzückt.

Szene 2: Zwanzig Kinder sitzen an Tischen. In der Mitte stehen Schalen mit blauer und weisser Farbe, Schwämme, Glitzer, Wattebällchen. Die Erzieherin sagt: "Wie fühlt sich der Winter für euch an?" Nach dreissig Minuten hängen zwanzig völlig verschiedene Werke an der Wand. Eines zeigt wilde blaue Wirbel (ein Schneesturm), eines ist dick mit weisser Farbe bedeckt (eine Eishöhle), eines hat einen einzigen Wattetupfer in der Ecke (der letzte Schnee im Frühling). Manche Eltern fragen sich, was sie da eigentlich sehen.

Welche Szene fördert Kreativität?

Das Schablonen-Problem

Die erste Szene ist das, was Pädagogen "Produkt-Kunst" nennen: Das Ergebnis steht von Anfang an fest. Es gibt ein Idealbild im Kopf des Erwachsenen, und die Aufgabe des Kindes ist es, dieses Bild zu reproduzieren. Abweichungen werden korrigiert. "Der Bart gehört nach unten, Schatz."

Was lernt das Kind dabei? Feinmotorik, ja. Anweisungen befolgen, sicher. Aber auch: Es gibt eine richtige Lösung, und der Erwachsene kennt sie. Meine eigenen Ideen zählen nicht.

Das ist nicht per se schlecht – es hat seinen Platz. Aber mit Kreativität hat es wenig zu tun.

Wenn der Prozess wichtiger wird als das Produkt

Die zweite Szene zeigt "Prozess-Kunst": Es gibt kein vorgegebenes Ergebnis. Das Kind erforscht, experimentiert, trifft eigene Entscheidungen. Wie viel Farbe nehme ich? Was passiert, wenn ich den Schwamm ganz fest drücke? Wie sieht Glitzer auf nasser Farbe aus?

Das fertige Bild ist fast nebensächlich – ein Nebenprodukt des Erlebens. Was zählt, ist das, was im Kopf des Kindes passiert: Es trifft hundert kleine Entscheidungen. Es erlebt, wie sich Material verhält. Es drückt etwas aus, das nur ihm gehört. Am Ende hält es ein Werk in den Händen und weiss: Das habe ich gemacht. Niemand sonst hätte es genauso gemacht.

Dieses Gefühl – Psychologen nennen es Selbstwirksamkeit – ist einer der wichtigsten Bausteine für ein gesundes Selbstbewusstsein.

Die Frage, die alles verändert

Apropos: Wenn Ihr Kind Ihnen stolz ein Bild zeigt, stehen Sie vor einer kleinen, aber wichtigen Entscheidung.

Die instinktive Frage vieler Erwachsener ist: "Oh, schön! Was ist das?"

Das Problem: Die Frage impliziert, dass das Bild etwas Erkennbares darstellen muss. Dass es einen richtigen Inhalt gibt, den das Kind zu erklären hat. Manche Kinder – besonders die, die abstrakt oder prozessorientiert arbeiten – geraten ins Stocken. Sie wussten gar nicht, dass es "etwas" sein sollte.

Versuchen Sie stattdessen:

  • "Erzähl mir von deinem Bild."
  • "Ich sehe, du hast ganz viel Blau benutzt."
  • "Das sieht aus, als hättest du mit dem Pinsel getanzt!"

Diese Art von Kommentar zeigt echtes Interesse, ohne zu bewerten. Er lädt das Kind ein, selbst zu erzählen – oder auch nicht. Und er signalisiert: Der Prozess war wichtig, nicht nur das Ergebnis.

9. Die Rolle der Bezugsperson: Begleiten statt belehren

Es ist ein ganz normaler Moment: Ihr Kind sitzt auf dem Boden und versucht, einen Turm aus Bauklötzen zu bauen. Er wird höher, wackelt, fällt um. Noch einmal. Wackelt, fällt um. Sie sehen die Frustration im Gesicht Ihres Kindes wachsen.

Was tun Sie?

Wenn Sie wie die meisten Eltern sind, juckt es Sie in den Fingern. Sie sehen doch, dass das Fundament zu schmal ist. Ein kurzer Eingriff, und der Turm würde stehen. Wäre das nicht hilfreich?

Vielleicht. Aber vielleicht auch nicht.

Der Unterschied zwischen Helfen und Übernehmen

Der russische Psychologe Lev Wygotski hat etwas Wichtiges über das Lernen von Kindern herausgefunden: Die spannendsten Lernmomente passieren nicht dort, wo ein Kind etwas schon kann. Und auch nicht dort, wo etwas völlig ausserhalb seiner Reichweite liegt. Sondern in der Zone dazwischen – dort, wo es mit ein bisschen Unterstützung einen Schritt weiter kommt.

Das Schlüsselwort ist: ein bisschen.

Zurück zum wackelnden Turm. Hier sind zwei Möglichkeiten:

Sie übernehmen: "Warte, ich zeige dir das. Du musst unten breitere Klötze nehmen." Sie bauen das Fundament. Der Turm steht. Problem gelöst.

Was Ihr Kind lernt: Wenn es schwierig wird, macht es jemand anderes für mich.

Sie begleiten: "Hmm, der wackelt immer an derselben Stelle, oder? Was glaubst du, woran das liegt?" Vielleicht ein Hinweis: "Schau mal, wie schmal er unten ist und wie breit oben..." Dann warten Sie.

Was Ihr Kind lernt: Ich kann Probleme selbst lösen. Ich muss nur nachdenken.

Der zweite Weg ist anstrengender. Er dauert länger. Er erfordert, dass Sie Ihre eigenen Hände still halten und aushalten, dass etwas nicht perfekt läuft. Aber er schenkt Ihrem Kind etwas Unbezahlbares: das Erlebnis, es selbst geschafft zu haben.

Die Kunst des Beobachtens

Gute Begleitung beginnt nicht mit Handeln, sondern mit Schauen. Was macht Ihr Kind eigentlich gerade? Nicht, was sollte es tun – was tut es tatsächlich?

Vielleicht baut es gar keinen Turm, um einen Turm zu haben. Vielleicht erforscht es, wie Dinge fallen. Vielleicht geniesst es das Geräusch, wenn alles zusammenkracht. Vielleicht sortiert es die Klötze heimlich nach Farben.

Wenn wir zu schnell eingreifen, unterbrechen wir möglicherweise etwas, das wir gar nicht verstanden haben. Ein paar Minuten stilles Beobachten können uns zeigen, was das Kind wirklich beschäftigt – und ob es überhaupt unsere Hilfe will.

Wie Sie mit Fehlern umgehen, prägt Ihr Kind

Kinder beobachten uns genauer, als uns lieb ist. Sie sehen, wie wir reagieren, wenn etwas schiefgeht. Und sie lernen daraus.

Wenn Sie beim gemeinsamen Basteln fluchen, weil der Kleber nicht hält – lernt Ihr Kind: Fehler sind ärgerlich. Dinge sollten auf Anhieb klappen.

Wenn Sie stattdessen sagen: "Oh, das hält nicht. Interessant. Was könnten wir anders machen?" – lernt Ihr Kind: Fehler gehören dazu. Sie sind kein Ende, sondern ein Anfang.

Diese Haltung lässt sich nicht predigen. Sie lässt sich nur vorleben. Jedes Mal, wenn Sie entspannt mit einem eigenen kleinen Scheitern umgehen, zeigen Sie Ihrem Kind: So geht das. So bleibt man neugierig, auch wenn nicht alles klappt.

Weniger Lehrer, mehr Gärtner

Vielleicht hilft dieses Bild: Stellen Sie sich vor, Sie wären nicht der Lehrer Ihres Kindes, sondern sein Gärtner. Ein Gärtner zieht nicht an den Pflanzen, damit sie schneller wachsen. Er sorgt für guten Boden, genug Licht, ausreichend Wasser – und dann tritt er zurück und lässt wachsen.

Ihre Aufgabe ist es, die Bedingungen zu schaffen. Das Wachsen übernimmt Ihr Kind selbst.

10. Die Macht der Worte: Wie wir über Kinderkunst sprechen

Ihr Kind kommt auf Sie zugerannt, ein Blatt Papier in der Hand, Farbe an den Fingern, Stolz im Gesicht. "Schau mal, Mama! Schau mal, Papa!"

Dieser Moment wiederholt sich hunderte Male in einer Kindheit. Und jedes Mal haben Sie eine kleine, aber wichtige Wahl: Wie reagieren Sie?

Die meisten von uns greifen instinktiv zum Lob. "Wow, toll!" "Wunderschön!" "Du bist ja ein richtiger Künstler!"

Es fühlt sich richtig an. Wir wollen unser Kind ermutigen, sein Selbstbewusstsein stärken. Was soll daran falsch sein?

Das Problem mit dem schnellen "Toll!"

Stellen Sie sich vor, Sie zeigen einer Freundin ein Foto von Ihrem Wochenendausflug. Sie schaut kurz hin und sagt: "Toll!" Dann wendet sie sich wieder ihrem Handy zu.

Wie fühlt sich das an? Wahrscheinlich nicht besonders wertgeschätzt. Das Lob kam zu schnell, zu automatisch. Es sagte eigentlich nur: "Ich habe registriert, dass du mir etwas zeigst."

Kinder spüren das genauso. Sie merken, ob wir wirklich hinschauen oder ob unser "Toll!" eine höfliche Abkürzung ist. Manche Kinder – besonders sensible – beginnen sogar, dem Lob zu misstrauen. Wenn alles "toll" ist, ist nichts mehr besonders.

Noch problematischer: Pauschales Lob bewertet das Ergebnis, nicht den Prozess. "Du bist ein grosser Künstler!" setzt das Kind unter Druck, beim nächsten Mal wieder ein "grosser Künstler" zu sein. Was, wenn das nächste Bild nicht so gut wird? War ich dann ein Betrüger?

Eine andere Art zu reagieren

Es gibt eine Alternative, die Forscher "beschreibendes Feedback" nennen. Die Idee ist einfach: Statt zu bewerten, beschreiben Sie, was Sie sehen. Das klingt unspektakulär, aber die Wirkung ist erstaunlich.

Statt: "Schönes Bild!"

Versuchen Sie: "Du hast den ganzen Hintergrund blau gemalt. Und hier in der Ecke sind ganz viele kleine rote Punkte. Das sieht aus, als würde es sich bewegen."

Was passiert? Ihr Kind merkt: Diese Person hat wirklich hingeschaut. Sie hat Details bemerkt. Sie nimmt meine Arbeit ernst.

Oft beginnen Kinder dann, von selbst zu erzählen. "Ja, das ist ein Sturm! Und die roten Punkte sind Blitze!" Das beschreibende Feedback öffnet ein Gespräch, während das schnelle "Toll!" es eher schliesst.

Ein paar weitere Beispiele:

Beschreibendes Feedback

Statt…

Versuchen Sie…

"Wow, super!"

"Du hast ganz lange daran gearbeitet, oder?"

"Das ist ja ein tolles Haus!"

"Ich sehe ein Haus mit vielen Fenstern. Und das hier oben – ist das ein Balkon?"

"Du malst so schön!"

"Du hast hier ganz kräftig gedrückt, und hier ganz zart. Das gibt verschiedene Blautöne."

Fragen, die Türen öffnen

Neben dem beschreibenden Feedback gibt es noch ein zweites Werkzeug: offene Fragen. Das sind Fragen, die sich nicht mit Ja oder Nein beantworten lassen – Fragen, die zum Nachdenken und Weiterdenken einladen.

"Was würde passieren, wenn du hier noch eine Schicht drübermalst?"

"Wie hast du diese Form hinbekommen?"

"Woran erinnert dich das?"

"Was könntest du noch hinzufügen, wenn du wolltest?"

Solche Fragen haben keinen Hintergedanken. Sie wollen nichts Bestimmtes hören. Sie zeigen echte Neugier – und sie laden das Kind ein, selbst über seine Arbeit nachzudenken. Das stärkt nicht nur die Kreativität, sondern auch die Fähigkeit, über eigene Entscheidungen zu reflektieren.

Eine kleine Übung

Das beschreibende Feedback fühlt sich anfangs vielleicht seltsam an. Wir sind so gewohnt zu bewerten – schön, hässlich, gut, schlecht –, dass reines Beschreiben wie eine Fremdsprache wirkt.

Versuchen Sie es diese Woche einmal bewusst: Wenn Ihr Kind Ihnen etwas zeigt, atmen Sie kurz durch, schauen Sie wirklich hin, und beschreiben Sie ein Detail, das Ihnen auffällt. Kein Urteil, nur Beobachtung.

Sie werden überrascht sein, welche Gespräche sich daraus entwickeln.

11. Kreativität in jedem Alter: Was Kinder wann brauchen

Kreativität sieht bei einem Einjährigen völlig anders aus als bei einem Fünfjährigen. Was Eltern manchmal als "Chaos" oder "sinnloses Spiel" wahrnehmen, ist oft genau das, was das Kind in seiner Entwicklungsphase braucht. Ein kleiner Wegweiser durch die ersten Jahre.

0 bis 2 Jahre: Die Welt mit allen Sinnen begreifen

Stellen Sie sich vor, Sie wären auf einem fremden Planeten gelandet. Alles ist neu. Sie wissen nicht, ob Dinge hart oder weich sind, kalt oder warm, ob sie Geräusche machen, wenn man sie fallen lässt, ob sie essbar sind oder nicht.

So ungefähr fühlt sich die Welt für ein Baby und Kleinkind an. In dieser Phase ist Ihr Kind ein Forscher im Wortsinn. Es will wissen: Wie fühlt sich das an? Was passiert, wenn ich drücke, werfe, in den Mund stecke? Die "Kreativität" dieses Alters liegt im unermüdlichen Experimentieren mit Materialeigenschaften.

Was jetzt hilft:

Ein Korb mit sicheren Alltagsgegenständen zum Erkunden – ein Holzlöffel, ein Metalldeckel, ein Stück Stoff, eine leere Plastikflasche. Kein Spielzeug, nur Dinge mit unterschiedlichen Oberflächen, Gewichten und Geräuschen. Fachleute nennen das "heuristisches Spiel", aber eigentlich ist es einfach: Zeug zum Anfassen.

Sensorik-Wannen: Eine flache Kiste mit Wasser, Reis, Sand oder Kastanien, in der kleine Hände wühlen können.

Essbare Farben: Joghurt mit Lebensmittelfarbe oder pürierte Beeren auf dem Hochstuhltablett. Ja, es wird eine Sauerei. Aber Ihr Kind erlebt Farbe mit Händen, Mund und Augen gleichzeitig – und Sie müssen sich keine Sorgen machen, wenn etwas im Mund landet.

2 bis 4 Jahre: Die magische Zeit des "So tun als ob"

Irgendwann passiert etwas Wunderbares: Ein Holzklotz ist plötzlich nicht mehr nur ein Holzklotz. Er ist ein Telefon. Oder ein Auto. Oder ein Stück Kuchen. Willkommen im Symbolspiel.

In dieser Phase entdeckt Ihr Kind, dass Dinge für andere Dinge stehen können – die Grundlage für Sprache, Mathematik und abstraktes Denken. Wenn Ihr Dreijähriger ernsthaft in eine Banane spricht und "Ja, ich komme gleich" sagt, trainiert er sein Gehirn auf höchstem Niveau.

Was jetzt hilft:

Eine Verkleidungskiste – aber nicht mit fertigen Kostümen. Tücher, Hüte, alte Hemden, ein ausrangierter Gürtel. Je weniger festgelegt, desto mehr kann daraus werden: Ein Tuch ist heute ein Umhang, morgen ein Baby-Tragetuch, übermorgen ein Zelt.

Knete und Ton: Die Hände werden stärker, und Ihr Kind beginnt, dreidimensional zu denken. Es muss nichts Erkennbares entstehen – das Matschen und Formen ist der Sinn.

Höhlen bauen: Zwei Stühle und eine Decke verwandeln das Wohnzimmer in eine andere Welt. Diese selbstgebauten Räume geben Kindern ein Gefühl von Kontrolle und Geborgenheit gleichzeitig.

4 bis 6 Jahre: Pläne schmieden und gemeinsam erschaffen

Jetzt wird es komplexer. Ihr Kind denkt voraus, plant, ändert Pläne, beginnt mit anderen zusammenzuarbeiten. Die Projekte werden grösser und dauern länger. Wo früher ein Turm in fünf Minuten gebaut und umgeworfen wurde, entsteht jetzt vielleicht eine Stadt, die über Tage wächst.

Was jetzt hilft:

Echtes Werkzeug: Unter Aufsicht darf jetzt gehämmert und gesägt werden. Der Umgang mit "richtigen" Materialien gibt Kindern ein tiefes Gefühl von Kompetenz. Kinderwerkbänke und stumpfe Plastikhämmer können das nicht ersetzen.

Projektarbeit über mehrere Tage: Eine Stadt aus Kartons, die jeden Tag ein neues Gebäude bekommt. Ein Schiff aus Holzresten, an dem eine Woche lang gewerkelt wird. Die Ausdauer wächst mit der Aufgabe.

Diktierte Geschichten: Ihr Kind malt ein Bild und erzählt dazu. Sie schreiben die Worte daneben. So entstehen erste "Bücher" – und Ihr Kind erlebt, dass seine Gedanken wichtig genug sind, um festgehalten zu werden.

Gemeinsam Regeln erfinden: Viele Kinder beginnen in diesem Alter, eigene Spiele mit eigenen Regeln zu entwickeln. Lassen Sie sich die Regeln erklären, auch wenn sie sich ständig ändern. Das Erfinden ist das Spiel.

12. Fazit: Das Wunder bewahren

Erinnern Sie sich an den Anfang dieses Artikels? Das Kind, das den teuren Karton dem Spielzeug vorzieht. Die Kissen, die zum Piratenschiff werden. Die scheinbar endlosen Fragen, die wilden Ideen, die Geschichten, die keinen Sinn ergeben müssen.

All das ist keine Phase, die Kinder "herauswachsen" sollten. Es ist ein Schatz, den sie mit auf die Welt bringen – und den wir Erwachsenen allzu oft unbeabsichtigt verschütten.

Die Forschung ist eindeutig: 98 Prozent aller Fünfjährigen denken auf Genie-Niveau kreativ. Bei Erwachsenen sind es zwei Prozent. Irgendwo dazwischen lernen die meisten Menschen, ihre Ideen zu zensieren, bevor sie überhaupt ausgesprochen sind. "Das ist albern." "Das funktioniert nicht." "So macht man das nicht."

Die gute Nachricht: Sie können den Unterschied machen.

Nicht durch teure Förderprogramme oder perfekt eingerichtete Kinderzimmer. Sondern durch das, was Sie jetzt schon wissen:

Zeit lassen. Der volle Terminkalender ist der grösste Feind der Kreativität. Kinder brauchen leere Stunden, in denen Langeweile in Erfindungsgeist umschlagen kann.

Materialien bereitstellen. Weniger fertiges Spielzeug, mehr offene Dinge. Kartons, Stöcke, Tücher, Steine. Alles, was hundert Sachen sein kann, statt nur einer.

Anders hinschauen. Den blauen Baum nicht korrigieren. Das unfertige Werk nicht bewerten. Stattdessen beschreiben, fragen, staunen.

Fehler feiern. Oder zumindest gelassen hinnehmen. Jedes "Oh, das hat nicht geklappt – wie spannend!" ist eine Lektion in Mut und Neugier.

Zurücktreten. Weniger erklären, mehr beobachten. Weniger anleiten, mehr ermöglichen. Dem Kind vertrauen, dass es seinen Weg findet.

Kreativität ist kein Bonus, kein nettes Extra neben den "wichtigen" Fähigkeiten. In einer Welt, die sich schneller verändert als je zuvor, ist sie vielleicht die wichtigste Fähigkeit überhaupt: die Fähigkeit, Neues zu denken, Probleme zu lösen, die noch niemand gelöst hat, und sich immer wieder neu zu erfinden.

Ihr Kind bringt diese Fähigkeit bereits mit. Ihre Aufgabe ist nicht, sie hinzuzufügen. Ihre Aufgabe ist, sie zu bewahren.

Und das beginnt nicht morgen. Es beginnt beim nächsten Bild, das Ihnen stolz entgegengestreckt wird. Bei der nächsten "langweiligen" Stunde, die Sie nicht füllen. Beim nächsten Karton, der nicht im Altpapier landet.

Jeder Tag bietet hundert kleine Gelegenheiten. Nutzen Sie ein paar davon.

Quellenverzeichnis

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  4. Montessori From The Heart (o.D.): 98% of Kids Are Creative Geniuses – Why Do Only 2% Stay That Way? Podcast Episode #1. https://eschool.montessorifromtheheart.com/podcast-1-nasa-children-are-born-creative-geniuses
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  7. Kim, Kyung Hee (2011): The Creativity Crisis: The Decrease in Creative Thinking Scores on the Torrance Tests of Creative Thinking. In: Creativity Research Journal, 23(4), S. 285–295. https://www.nesacenter.org/uploaded/conferences/SEC/2013/handouts/Kim_Creativity-Crisis_CRJ2011.pdf
  8. Gemeinde Einsiedeln (2012): Merkblatt – Einige Tipps zum Loben. https://www.einsiedeln.ch/libraries.files/Merkblatt_Tipps_Loben_April12.pdf
  9. Höflich, Sabine (2016): Können Probleme kreativ und stark machen? Problemlösekompetenz als gemeinsamer Nenner von Resilienz und Kreativität. In: R&E-SOURCE, Ausgabe 6, Oktober 2016. Pädagogische Hochschule Niederösterreich. https://journal.ph-noe.ac.at/index.php/resource/article/download/309/370/1389

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