More info

Entwicklungspsychologie Kinder: Was Ihr Kind wirklich braucht

Entwicklungspsychologie Kinder: Was entwickelt sich wann? đź‘¶ Sprache âś“ Motorik âś“ Emotionen âś“ Wann zum Arzt? âś“

Entdecken Sie Little Star Day School

Von Babybetreuung bis Vorschule – finden Sie das passende Angebot für Ihr Kind an unseren Standorten in Zürich und Zug.
February 20, 2026
Peter Maeder
Inhaltsverzeichnis
Kurz & klar

Entwicklungspsychologie beschreibt, wie Kinder von 0 bis 6 Jahren denken, sprechen, fühlen und sich bewegen. Sie zeigt, welche Fähigkeiten in welchem Alter entstehen – und warum jedes Kind sein eigenes Tempo braucht.

Ihr Kind macht seinen ersten Schritt – und Sie halten den Atem an. Zwei Wochen später hören Sie von einer Freundin, deren Kind schon mit neun Monaten lief. Ist Ihr Kind zu spät? Zu langsam? Oder einfach genau richtig?

Diese Frage beschäftigt fast alle Eltern irgendwann. Und sie ist berechtigt – denn die ersten sechs Lebensjahre sind entwicklungspsychologisch betrachtet die bedeutsamste Phase im gesamten Menschenleben. Was in dieser Zeit geschieht, legt das Fundament für alles, was folgt: für das Denken, die Sprache, das Mitgefühl, das Selbstvertrauen.

Dieser Ratgeber gibt Ihnen das Wissen, das Sie brauchen: was Ihr Kind wann entwickelt, warum bestimmte Verhaltensweisen völlig normal sind – und wann Sie wirklich aufmerksam werden sollten.

1. Was bedeutet Entwicklungspsychologie bei Kindern – und warum sollten Eltern das wissen?

Entwicklungspsychologie ist die Wissenschaft, die untersucht, wie Menschen sich von der Geburt bis ins Erwachsenenalter verändern. Für Eltern ist vor allem ein Teilbereich relevant: die frühkindliche Entwicklungspsychologie – also alles, was zwischen dem ersten Atemzug und dem Schuleintritt passiert.

Diese Wissenschaft beantwortet Fragen, die Sie vielleicht noch nie laut gestellt, aber bestimmt schon gedacht haben: Warum will mein Zweijähriger partout nicht teilen? Warum lügt mein Vierjähriger plötzlich – und ist das schlimm? Ab wann kann ich erwarten, dass mein Kind seinen Ärger kontrolliert?

Die gute Nachricht: Hinter fast allem, was Eltern beunruhigt, steckt ganz normales Entwicklungsgeschehen. Und das Verständnis dieser Zusammenhänge macht nicht nur Sie als Elternteil entspannter – es hilft Ihnen auch, Ihr Kind gezielter zu begleiten.

Das Grenzsteinkonzept – ein wichtiger Unterschied

In der Schweizer Entwicklungsforschung (Prof. Oskar Jenni, Universitätskinderspital Zürich) wird heute zwischen Meilensteinen und Grenzsteinen unterschieden. Meilensteine markieren, was 50% der Kinder in einem bestimmten Alter können. Grenzsteine hingegen zeigen, wann 90–95% der Kinder eine Fähigkeit erreicht haben. Erst wenn ein Kind den Grenzstein nicht erreicht, ist eine Abklärung sinnvoll – nicht schon beim Meilenstein.

‍2. Das Gehirn Ihres Kindes: Was in den ersten 1000 Tagen passiert

Wenn Entwicklungspsychologen von den "ersten 1000 Tagen" sprechen – von der Empfängnis bis zum zweiten Geburtstag – dann nicht ohne Grund. Die Zahlen sind schlicht atemberaubend.

In dieser Phase entstehen mehr als eine Million neue neuronale Verbindungen pro Sekunde. Das Gehirn eines Neugeborenen verbraucht fast seine gesamte verfügbare Energie ausschliesslich für das Wachstum und Vernetzen von Nervenzellen. Mit fünf Jahren hat das Gehirn bereits 88% seiner späteren Grösse erreicht – ein Tempo, das nie wieder in der Biografie eines Menschen erreicht wird.

‍

Alter

Gehirngewicht

Besonderheit

Geburt

ca. 250 g (26% der Erwachsenengrösse)

Ăśber 1 Mio. neue Synapsen/Sekunde

1 Jahr

ca. 750 g (50%)

Bindungsnetzwerke formen sich aktiv

2 Jahre

ca. 1.000 g (70%)

So viele Synapsen wie Erwachsene

3 Jahre

ca. 1.100 g (78%)

Doppelt so viele Synapsen wie Erwachsene

5 Jahre

ca. 1.300 g (88%)

Pruning beginnt – Nichtgenutztes wird abgebaut

‍

Was bedeutet das für Sie als Elternteil? Es bedeutet: Was ein Kind in diesen Jahren erlebt, formt buchstäblich seine Gehirnarchitektur. Nicht im Sinne von Druck oder Frühförderung – sondern im Sinne von verlässlicher Beziehung, neugieriger Erkundung und liebevoller Begleitung.

Aktuelle Neuroplastizitätsforschung (Cizmeci et al., 2026, Pediatric Research) zeigt zudem: Frühere Erfahrungen beeinflussen nicht nur das Gehirn selbst, sondern auch die Fähigkeit des Gehirns, sich später zu verändern. Diese sogenannte Metaplastizität macht die frühe Kindheit zur prägendsten Phase – nicht zur einzigen, aber zur grundlegendsten.

Was sind die ersten 1000 Tage?

Als "erste 1000 Tage" bezeichnet man die Zeit von der Empfängnis bis zum zweiten Geburtstag. In dieser Phase entstehen über 1 Million neue neuronale Verbindungen pro Sekunde. Ernährung, Bindung und Umweltreize formen in dieser Zeit die Grundstruktur des Gehirns – mit lebenslanger Wirkung.

3. Kognitive Entwicklung: Wie Ihr Kind denken lernt

Wenn ein Kind einen Stein nimmt und ihn als Auto durch den Raum schiebt, passiert dabei etwas Erstaunliches: Es nutzt ein Symbol für etwas anderes. Diese Fähigkeit – das symbolische Denken – ist der Beginn des abstrakten Denkens und markiert einen der grössten kognitiven Sprünge in der Kindesentwicklung.

Der Schweizer Entwicklungspsychologe Jean Piaget hat als erster systematisch beschrieben, wie Kinder zu Denkenden werden. Sein Modell ist heute über 60 Jahre alt – aber die Grundidee bleibt gültig: Kinder konstruieren ihr Wissen aktiv. Sie sind keine leeren Gefässe, die befüllt werden. Sie sind kleine Forscherinnen und Forscher.

‍

Phase

Alter

Was passiert im Kopf des Kindes

Sensomotorisch

0–2 Jahre

Lernen durch Greifen, Lutschen, Schauen. Gegen Ende: Das Kind weiss, dass der Ball noch da ist, auch wenn er unter der Decke liegt (Objektpermanenz).

Präoperational

2–7 Jahre

Symbolisches Denken und Sprache explodieren. Das Kind sieht die Welt noch durch seine eigene Brille – echter Perspektivenwechsel ist noch nicht möglich.

Konkret-operational

7–11 Jahre

Logisches Denken bei konkreten Dingen. Versteht: Das Wasser im hohen Glas ist genauso viel wie im breiten (Mengenerhaltung).

Formal-operational

Ab 12 Jahren

Abstraktes, hypothetisches Denken. "Was wäre, wenn..." – Gedankenexperimente werden möglich.

Was das heute bedeutet: Exekutive Funktionen

Piaget beschrieb, was Kinder denken. Die aktuelle Forschung hat sich einer spannenden Ergänzungsfrage zugewandt: Wie steuern Kinder ihr Denken und Handeln? Die Antwort liegt in den sogenannten exekutiven Funktionen – und deren Bedeutung lässt sich kaum überschätzen.

Exekutive Funktionen umfassen drei Kernbereiche: Arbeitsgedächtnis (Informationen im Kopf halten), Inhibition (Impulse hemmen) und kognitive Flexibilität (zwischen Aufgaben wechseln). Aktuelle Langzeitstudien (Gavrilova et al., 2024) belegen: Diese Fähigkeiten prognostizieren den Schulerfolg – und zwar stärker als der Intelligenzquotient.

Die gute Nachricht: Exekutive Funktionen lassen sich fördern. Nicht durch formelles Training, sondern durch hochwertige Interaktion. Rollenspiele, Regelspiele, kreative Problemlösungsaufgaben und das gemeinsame Erkunden von Fragen ("Warum schwimmt Holz?") trainieren genau diese Fähigkeiten – spielerisch, fast unmerklich.

Ein konkretes Beispiel aus der Praxis: Wenn ein Kind beim Spielen ein Problem nicht sofort lösen kann und stattdessen eine neue Strategie ausprobiert, trainiert es kognitive Flexibilität. Wenn es wartet, bis es an der Reihe ist, übt es Inhibition. Diese alltäglichen Situationen sind pädagogisch wertvoller als jedes Lernprogramm.

Bildschirmzeit und kognitive Entwicklung

Eine Studie (Scientific Reports, Nature, 2024) mit über 1000 Vorschulkindern zeigt: Passive Bildschirmzeit – also passives Schauen ohne Interaktion – ist negativ mit Arbeitsgedächtnis und kognitiver Flexibilität assoziiert. Interaktive, gemeinsame Mediennutzung (Vorlesen, gemeinsames Anschauen mit Gesprächen) zeigt hingegen keine negativen Effekte. Entscheidend ist nicht der Bildschirm selbst, sondern was das Kind dabei erlebt.

4. Sprachentwicklung: Von den ersten Lauten bis zur Konversation

"Mein Kind redet noch nicht viel – soll ich mir Sorgen machen?" Diese Frage erreicht Kinderärztinnen und Erziehungsberater häufiger als fast jede andere. Und die Antwort hängt stark vom Alter ab.

Die Sprachentwicklung ist eng verknüpft mit allen anderen Entwicklungsbereichen. Sprache ist nicht einfach "reden lernen" – sie ist das wichtigste Werkzeug, mit dem ein Kind seine Gedanken ordnet, seine Gefühle ausdrückt und soziale Beziehungen aufbaut.

‍

Alter

Aktiver Wortschatz

Was ist typisch?

6 Monate

0

Silbenketten: "bababa", "dadada". Intensiver Blickkontakt, Mimikspiele.

12 Monate

1–3 Wörter

Erstes sinnvolles Wort ("Mama", "da"). Viele Gesten: zeigen, winken.

18 Monate

ca. 10–50 Wörter

Zeigegestik als Kommunikation. "Wauwau!" = "Schau, da ist ein Hund!"

2 Jahre

50+ Wörter

Vokabelspurt! Erste Zweiwortsätze ("Auto weg"). Versteht ~200 Wörter.

3 Jahre

~1.200–1.500 Wörter

Vollständige einfache Sätze. Erzählt kleine Geschichten. Stellt "Warum"-Fragen.

5–6 Jahre

3.000–5.000+ Wörter

Alle Laute beherrscht. Konversationsfähig. Buchstaben werden interessant.

Was ist ein Late Talker – und wann wird es relevant?

Als Late Talker bezeichnet man Kinder, die mit zwei Jahren weniger als 50 Wörter sprechen und noch keine Zweiwortsätze bilden, ohne dass eine neurologische Ursache vorliegt. Etwa 15–20% aller Zweijährigen fallen in diese Kategorie.

Wichtig zu wissen: Gut die Hälfte dieser Kinder holen den Rückstand ohne Intervention auf (sogenannte "Late Bloomers"). Die andere Hälfte profitiert von früher Sprachförderung. Deshalb gilt: Beobachten, aber nicht abwarten. Sprechen Sie Ihren Kinderarzt an, wenn Ihr Kind mit 24 Monaten weniger als 50 Wörter spricht oder keine Wortkombinationen bildet.

Zweisprachige Erziehung: Was die Forschung wirklich sagt

In der Schweiz – einem Land mit vier Landessprachen und hohem Migrationsanteil – ist Mehrsprachigkeit keine Ausnahme, sondern Alltag. Und Eltern stellen sich zurecht die Frage: Verwirrt zwei Sprachen gleichzeitig mein Kind?

Die Antwort der Forschung ist eindeutig: Nein. Eine aktuelle Studie (Muszyńska et al., 2025, Journal of Child Language, Cambridge, n=604) vergleicht bilinguale und monolinguale Kinder und zeigt: Zweisprachige Kinder erreichen alle frühen Sprachmeilensteine – erstes Wort, erste Mehrwortkombination – im gleichen Alter wie einsprachige Kinder.

Was aber tatsächlich herausfordernder ist: der Wortschatz pro Einzelsprache kann geringer sein. Das täuscht aber über die Gesamtleistung hinweg. Zählt man beide Sprachen zusammen, liegt der Gesamtwortschatz gleichauf. Entscheidend für eine gelingende bilinguale Entwicklung ist vor allem eines: Konsistenz. Wenn eine Bezugsperson konsequent eine Sprache spricht, lernt das Kind beide Sprachsysteme sicher zu trennen.

Verwirrt Zweisprachigkeit Kinder?

Nein. Aktuelle Forschung zeigt: Kinder, die mit zwei Sprachen aufwachsen, erreichen alle Sprachmeilensteine im gleichen Alter wie einsprachige Kinder. Das Gehirn ist biologisch darauf ausgelegt, mehrere Sprachen gleichzeitig zu erwerben – besonders in den ersten sechs Lebensjahren.

5. Motorische Entwicklung: Wann läuft, klettert und zeichnet mein Kind?

"Wann läuft mein Kind endlich?" – Diese Frage steht bei vielen Eltern ganz oben auf der Sorgen-Liste. Die gute Nachricht: Der Normalbereich ist gross.

Die WHO-Wachstumsstudie, die Daten von Kindern aus sechs Ländern ausgewertet hat, zeigt beim freien Gehen eine Bandbreite von 8 bis 18 Monaten – alles davon ist normal. Der Durchschnitt liegt bei 12–13 Monaten, aber den Durchschnitt zu treffen ist keine Anforderung, sondern eine Statistik.

‍

Alter

Grobmotorik

Feinmotorik

3–4 Monate

Höher aufstützen in Bauchlage, Kopfkontrolle

Greifen nach Objekten mit ganzer Hand

6 Monate

Freies Sitzen, Rollen in beide Richtungen

Objekte von einer Hand in die andere

9 Monate

Krabbeln, Hochziehen am Möbel

Klatschen, Finger-Daumen-Koordination

12–15 Monate

Freies Laufen

Pinzettengriff (Daumen + Zeigefinger), Löffel halten

18 Monate

Rückwärtsgehen, Treppen mit Hilfe

4–6 Würfel stapeln, vertikale Striche

2 Jahre

Ball treten, kurze Strecken rennen

Einfache Formen nachzeichnen

3 Jahre

Treppen alternierend, Dreirad fahren

Kreis zeichnen, Schere benutzen

5 Jahre

Auf einem Bein hĂĽpfen, Purzelbaum

Buchstaben drucken, Mensch mit 6 Teilen zeichnen

‍

Auffällig ist: Gut 35% aller Kinder stehen, bevor sie krabbeln. Rund 4% krabbeln nie – und gehen trotzdem problemlos. Die klassische Entwicklungssequenz ist ein Modell, keine Pflichtaufgabe. Ihr Kind schreibt seine eigene.

6. Sozial-emotionale Entwicklung: Wenn Ihr Kind fĂĽhlen, teilen und streiten lernt

Die sozial-emotionale Entwicklung ist vielleicht der Bereich, der Eltern am meisten beschäftigt – weil er am direktesten den Familienalltag betrifft. Trotzphase, Hauen, Nicht-Teilen, Schüchternheit: Hinter all dem steckt Entwicklung, keine Fehlerziehung.

Die Autonomiephase ("Trotzphase"): Warum Ihr Kind Ihnen widerspricht

Zwischen etwa 18 Monaten und 4 Jahren entdeckt Ihr Kind, dass es eine eigenständige Person ist – mit eigenem Willen, eigenen Wünschen, eigenen Ideen. Und es testet diese Entdeckung täglich aus. Das nennt sich Autonomiephase – der Begriff "Trotzphase" ist eigentlich irreführend, denn Ihr Kind trotzt nicht. Es wird.

Wenn ein Zweijähriger den Wutanfall bekommt, weil der falsche Becher hingestellt wurde, ist das kein Theater. Sein präfrontaler Cortex – der Teil des Gehirns, der Impulse kontrolliert und Frustrationen reguliert – ist neurologisch noch nicht in der Lage, starke Emotionen zu bremsen. Das ist buchstäblich eine Frage der Hirnreife, nicht der Erziehung.

Was hilft wirklich in der Trotzphase?

Gefühle benennen statt bewerten: "Ich sehe, du bist gerade sehr wütend, weil..." hilft dem Kind, eine innere Landkarte seiner Emotionen zu erstellen. Grenzen setzen – ruhig und konsequent – gibt Sicherheit. Erzwungene Entschuldigung oder Bestrafung für Gefühle ist kontraproduktiv.

Warum Ihr Kind nicht teilen will – und das gut ist

"Er soll teilen lernen!" – Dieser Wunsch ist verständlich. Entwicklungspsychologisch ist er aber für Kinder unter drei bis vier Jahren schlicht unrealistisch.

Teilen erfordert Empathie – also die Fähigkeit, sich in die Gefühle und Bedürfnisse einer anderen Person hineinzuversetzen. Diese Fähigkeit (Theory of Mind) entwickelt sich frühestens ab drei Jahren. Kinder zwischen ein und drei Jahren sind entwicklungsbedingt nicht in der Lage, freiwillig zu teilen. Neuere Forschung (Fabricius et al.) zeigt sogar: Ein echtes Verständnis für die Perspektive anderer etabliert sich erst im Alter von sechs bis sieben Jahren vollständig – früher als angenommen war die bisherige Einschätzung.

Was hilft: Teilen vorleben, aber nicht erzwingen. Situationen schaffen, in denen Kooperation belohnt wird. Und: Geduld. Mit vier bis fĂĽnf Jahren beginnen die meisten Kinder freiwillig zu teilen.

Bindung: Das unsichtbare Fundament

Hinter fast aller sozial-emotionalen Entwicklung steht eine Grundbedingung: Bindung. Kinder, die eine sichere Bindung zu mindestens einer stabilen Bezugsperson aufgebaut haben, erkunden mutiger, erholen sich schneller von Rückschlägen und entwickeln bessere Selbstregulationsfähigkeiten.

Die umfassendste Metaanalyse der letzten Jahre (Madigan et al., 2024, Psychological Bulletin, n > 10.000) bestätigt: Elterliche Sensitivität ist der wichtigste Faktor für sichere Bindung. Nicht Perfektion, nicht ständige Verfügbarkeit – sondern die Fähigkeit, auf die Signale des Kindes verlässlich zu reagieren.

Für den Kita-Alltag bedeutet das: Die Eingewöhnung – mit festen Bezugspersonen und schrittweisem Beziehungsaufbau – ist keine bürokratische Pflichtübung. Sie ist entwicklungspsychologisch fundiertes Handeln. Qualitätsorientierte Einrichtungen setzen deshalb auf das Modell der festen Bezugsperson, die das Kind durch den Alltag begleitet und als sichere Basis dient, von der aus Erkundung möglich wird.

Wann entwickelt sich Empathie bei Kindern?

Erste Anzeichen von Mitgefühl zeigen sich bereits mit 14 bis 18 Monaten. Ein echtes Hineinversetzen in andere (Theory of Mind) entwickelt sich ab ca. 3–4 Jahren. Das vollständige Verständnis für die Perspektive anderer etabliert sich erst zwischen 6 und 7 Jahren.

7. Selbstregulation und Resilienz: Die Fähigkeiten für das Leben

Wenn Sie Ihr Kind beobachten, wie es lernt, bei einem schwierigen Puzzle zu bleiben, obwohl es frustriert ist – dann erleben Sie gerade einen der wertvollsten Entwicklungsmomente überhaupt: Selbstregulation im Entstehen.

Die Forschung belegt: Selbstregulation im Vorschulalter sagt zehn Jahre später signifikant voraus, wie gut ein Kind in der Schule abschneidet, wie es mit Gesundheit und Stress umgeht und wie es soziale Beziehungen gestaltet (Howard & Williams, 2018). Dieser Effekt ist stärker und stabiler als jede Intelligenz-Messung.

Und das Schöne daran: Selbstregulation ist keine angeborene Eigenschaft. Sie wird trainiert – durch jede Situation, in der ein Kind lernt, kurz innezuhalten, bevor es reagiert.

Resilienz: Wie Kinder stark werden

Resilienz ist nicht das Gleiche wie Stärke oder Unverwundbarkeit. Resilienz bedeutet: ein Kind kann trotz Rückschlägen und Herausforderungen gesund bleiben und sich erholen. Diese Fähigkeit wächst aus drei Quellen:

  • Selbstwirksamkeit: Das Kind erlebt, dass seine eigenen Handlungen etwas bewirken.
  • Verlässliche Bindung: Es gibt mindestens eine stabile Bezugsperson, zu der das Kind Vertrauen hat.
  • Aktive Problemlösung: Das Kind lernt, mit Schwierigkeiten umzugehen – nicht sie zu vermeiden.

Alle drei Quellen können im Alltag gezielt gefördert werden. Aufgaben, die gerade noch machbar sind (nicht zu leicht, nicht überwältigend), stärken die Selbstwirksamkeit. Konsequente Bezugspersonen bauen Vertrauen auf. Und Situationen, in denen Kinder selbst nach Lösungen suchen dürfen – statt sofort eine Antwort zu bekommen – trainieren aktives Problemdenken.

Der Kreislauf der Qualität

Eine Studie (Horm et al., 2024, Frontiers in Psychology, 37 Krippen- und Kleinkindgruppen) zeigt einen positiven Kreislauf: Kinder mit besserer Selbstregulation im Herbst führen dazu, dass Bezugspersonen qualitativ hochwertigere Interaktionen anbieten – was wiederum die Selbstregulation der Kinder bis zum Frühling weiter verbessert. Qualität zahlt sich aus – für alle Beteiligten.

8. Erik Erikson und die psychosozialen Krisen: Was Ihr Kind in jeder Phase braucht

Während Piaget fragte, wie Kinder denken, fragte Erik Erikson: Wer werden sie? Sein Modell der psychosozialen Entwicklung beschreibt jede Lebensphase als eine Herausforderung – eine Krise, die gelöst werden will. Nicht Krise im Sinne von Katastrophe, sondern Krise im Sinne von Weggabelung.

‍

Alter

Entwicklungsaufgabe

Was Ihr Kind braucht

0–18 Monate

Urvertrauen vs. Urmisstrauen

Verlässliche Bezugspersonen, die auf Bedürfnisse reagieren. Ergebnis: Hoffnung und Grundvertrauen in die Welt.

1–3 Jahre

Autonomie vs. Scham/Zweifel

Raum zum Erkunden und Ausprobieren. Fehler dĂĽrfen passieren. Ergebnis: Selbstkontrolle ohne Selbstwertverlust.

3–6 Jahre

Initiative vs. SchuldgefĂĽhl

Unterstützung bei eigenen Ideen und Plänen. Neugier darf gross sein. Ergebnis: Zielstrebigkeit und Fantasie.

‍

Die erste Phase – Urvertrauen – ist neurobiologisch besonders entscheidend. Wenn ein Säugling erlebt, dass seine Signale verlässlich beantwortet werden, bildet sich eine neuronale Sicherheitsbasis, die alle weiteren Entwicklungsschritte trägt. Diese Erkenntnis hat die Krippenpraxis in der Schweiz und international grundlegend verändert.

9. Wann ist eine Entwicklungsverzögerung wirklich ein Grund zur Abklärung?

Dieser Abschnitt ist der vielleicht wichtigste im gesamten Ratgeber – weil er die Grenze zwischen berechtigter Sorge und unnötiger Beunruhigung zieht.

In der Schweiz stehen Eltern 15 empfohlene Vorsorgeuntersuchungen zur Verfügung. Diese sind genau darauf ausgelegt, Entwicklungsauffälligkeiten frühzeitig zu erkennen. Nutzen Sie sie. Und sprechen Sie Ihren Kinderarzt proaktiv an – nicht erst, wenn Sie sich sicher sind, dass etwas nicht stimmt.

‍

Bereich

Grenzstein (wann 90–95% es können)

Abklärung wenn...

Sprache

18 Mon.: mind. 1 Wort; 24 Mon.: mind. 50 Wörter

Mit 18 Mon. kein Wort; mit 24 Mon. keine Zweiwortsätze; Rückschritte in der Sprache

Motorik

18 Monate: freies Laufen

Mit 18 Monaten noch nicht frei laufend

Sozialverhalten

12 Mon.: Blickkontakt, Mimik, Zeigen

Kein Blickkontakt, kein Interesse an anderen Personen

Trockenheit

4–5 Jahre tagsüber trocken

Ăśber 5 J. tagsĂĽber, ĂĽber 7 J. nachts nicht trocken

‍

Eines ist wichtig zu betonen: Frühes Erkennen bedeutet nicht Katastrophe. Im Gegenteil – je früher eine Entwicklungsverzögerung erkannt wird, desto wirksamer sind Förderung und Therapie. Das Gehirn ist in den ersten Jahren am plastischsten, spricht also am besten auf Unterstützung an.

10. Häufige Fragen von Eltern – kurz beantwortet

Warum lügt mein Kind plötzlich?

Unter drei bis vier Jahren vermischen Kinder Fantasie und Realität – das ist magisches Denken, kein bewusstes Täuschen. Erste echte Lügen ab ca. vier Jahren sind tatsächlich ein kognitiver Meilenstein: Das Kind kann sich in andere hineinversetzen und weiss, dass sein Gegenüber nicht alles weiss, was es weiss. Das erfordert Theory of Mind.

Mein Kind haut andere – ist das normal?

Ja, Hauen und Beissen kommt bei Kleinkindern (1,5–3 Jahre) häufig vor. Kinder können in diesem Alter ihre Impulse noch nicht zuverlässig kontrollieren. Zeigen Sie konsequent Alternativen, benennen Sie die Emotion dahinter – und bleiben Sie geduldig. Diese Phase vergeht.

Wie erkenne ich Schulreife?

Schulreife ist keine einzelne Fähigkeit, sondern ein Bündel aus kognitiven, sprachlichen, sozialen und emotionalen Entwicklungsschritten. Kinder sind dann schulfähig, wenn sie ca. 20 Minuten konzentriert an einer Aufgabe arbeiten können, einfache Anweisungen verstehen und folgen, grundlegende Selbstständigkeit (Anziehen, Toilettengang) beherrschen und in einer Gruppe zurechtkommen.

Was ist der Unterschied zwischen Meilenstein und Grenzstein?

Meilensteine markieren, wann 50% der Kinder eine Fähigkeit erreichen – sie sind Durchschnittswerte. Grenzsteine hingegen geben an, wann 90–95% der Kinder diesen Schritt gemacht haben. Erst wenn ein Kind den Grenzstein nicht erreicht, ist eine Abklärung sinnvoll.

11. Was Sie heute tun können: Entwicklung im Alltag fördern

Die Entwicklungspsychologie lehrt uns, dass die wirksamste Förderung nicht in Lernprogrammen liegt, sondern in der Qualität der alltäglichen Begegnung. Die folgenden Tipps sind wissenschaftlich fundiert – und ohne Mehraufwand umsetzbar.

Für Babys und Kleinkinder (0–2 Jahre)

  • Serve and Return: Reagieren Sie auf die Signale Ihres Babys – ein Lächeln zurĂĽckgeben, auf Laute antworten. Diese Wechselwirkung formt aktiv neuronale Netzwerke.
  • Benennen Sie, was Sie tun: "Jetzt ziehe ich dir die Jacke an, die ist schön warm." Sprache im Kontext ist der beste Sprachunterricht.
  • Lassen Sie Ihr Kind am Boden erkunden – Bauchlage-Zeit ist Motoriktraining.
  • Rituale geben Sicherheit: Baden, Vorlesen, Schlaflied. Verlässlichkeit ist neurobiologische Nahrung.

‍Für Kinder im Vorschulalter (2–6 Jahre)

  • Fragen statt Antworten: "Was denkst du, warum fällt das hin?" fördert exekutive Funktionen stärker als jede Erklärung.
  • Frustrationen aushalten lassen – nicht sofort helfen. Das Zeitfenster der produktiven Anstrengung ist entwicklungspsychologisch Gold wert.
  • Rollenspiele: Beim Spielen "Arzt" oder "Supermarkt" werden Empathie, Sprache und Kreativität gleichzeitig trainiert.
  • BĂĽcher mit Figuren, die GefĂĽhle zeigen: Helfen Kindern, Emotionen zu benennen und zu verstehen.
  • Natur und Bewegung: Klettern, Balancieren, Rennen – motorische Entwicklung braucht Raum und Gelegenheit.

12. Ressourcen fĂĽr Eltern in der Schweiz

Die Schweiz verfügt über ein gut ausgebautes Netz an Unterstützungsangeboten für Eltern. Nutzen Sie diese – sie sind kostenlos, niedrigschwellig und von hoher Qualität.

‍

Anlaufstelle

Angebot

Kontakt

Mütter- und Väterberatung (MVB)

Kostenlose Beratung zu Entwicklung, Ernährung, Schlaf und Erziehung

Über Gemeinde oder Kanton – in fast jeder Gemeinde verfügbar

Pro Juventute Elternberatung

Telefonberatung und Chat, auch abends

147 (kostenlos), elternberatung.ch

Kinderarzt / Kinderärztin

15 empfohlene Vorsorgeuntersuchungen

Gesundheitsheft fĂĽr Kinder

Erziehungsberatung (kantonale Stellen)

Beratung bei Entwicklungs- und Verhaltensfragen

Ăśber Gemeinde oder Kanton

13. Fazit: Jedes Kind entwickelt sich – in seinem eigenen Tempo

Die Entwicklungspsychologie hat in den letzten Jahrzehnten eines mit wachsender Ăśberzeugung gezeigt: Es gibt kein "richtiges" Tempo. Es gibt Bandbreiten, Grenzsteine und Orientierungspunkte. Aber kein Kind entwickelt sich nach einem Fahrplan.

Was Kinder brauchen, ist verlässlich und gilt überall: Menschen, die ihre Signale wahrnehmen und darauf antworten. Räume, in denen sie sicher erkunden können. Fragen, die ihren Forschergeist herausfordern. Und Erwachsene, die stark genug sind, auch Frustrationen auszuhalten – ihre eigenen und die der Kinder.

Das grösste Missverständnis über frühkindliche Entwicklung ist, dass Förderung bedeutet, Kinder zu beschleunigen. Gute Begleitung bedeutet, das Kind dort abzuholen, wo es ist – und ihm die nächste Stufe gerade noch ein bisschen zu erleichtern. Nicht mehr. Nicht weniger.

Wenn Sie diesen Ratgeber mit einer Erkenntnis verlassen, dann dieser: Vertrauen Sie Ihrem Kind. Und vertrauen Sie sich selbst. Die Tatsache, dass Sie diesen Artikel gelesen haben, ist bereits ein Zeichen dafĂĽr, dass Sie genau das Richtige tun.

Quellenverzeichnis

  1. Cizmeci, M.N. et al. (2026): Neonatal neuroplasticity and metaplasticity: bridging neuroscience to clinical practice. Pediatric Research, Nature. https://www.nature.com/articles/s41390-026-04771-5
  2. Thompson, A. (2024): Early Brain Development and Public Health. Delaware Journal of Public Health, Oktober 2024. DOI: 10.32481/djph.2024.10.03. https://djph.org/wp-content/uploads/2024/10/djph-104-03.pdf
  3. Chen, X. et al. (2025): Metacognition in early childhood: Development and associations with language and mathematics. Frontiers in Education, 10:1653320. https://www.frontiersin.org/journals/education/articles/10.3389/feduc.2025.1653320/full
  4. Gavrilova, N. et al. (2024): Preschoolers' executive function: effect of the duration of preschool attendance and quality of teacher-child interactions. Frontiers in Education, 9:1421037. https://www.frontiersin.org/journals/education/articles/10.3389/feduc.2024.1421037/full
  5. Muszyńska, M. et al. (2025): Bilingual children reach early language milestones at the same age as monolingual peers. Journal of Child Language, Cambridge University Press. https://www.researchgate.net/publication/388031749
  6. Madigan, S. et al. (2024): Maternal and paternal sensitivity and child attachment security: A meta-analysis. Psychological Bulletin, 150(7), 839–872. DOI: 10.1037/bul0000425
  7. Horm, D.M. et al. (2024): Resilience: supporting children's self-regulation in infant and toddler classrooms. Frontiers in Psychology, 15:1271840. https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2024.1271840/full
  8. Fabricius, W.V. et al. (2021): Children do not understand concept of others having false beliefs until age 6 or 7. Arizona State University. https://news.asu.edu/20210928-children-do-not-understand-concept-others-having-false-beliefs-until-age-6-or-7
  9. Wustmann Seiler, C. & Simoni, H. (2016): Orientierungsrahmen fĂĽr frĂĽhkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz. 3. Auflage. Schweizerische UNESCO-Kommission und Netzwerk Kinderbetreuung Schweiz. https://www.netzwerk-kinderbetreuung.ch/de/themen/orientierungsrahmen/
  10. WHO Multicentre Growth Reference Study Group (2006): WHO Motor Development Study: Windows of achievement for six gross motor development milestones. Acta Paediatrica, Suppl 450:86–95. DOI: 10.1111/j.1651-2227.2006.tb02379.x
  11. Erikson, E.H. (1963): Childhood and Society. W.W. Norton & Company, New York.
  12. Piaget, J. (1952): The Origins of Intelligence in Children. International Universities Press, New York.
  13. Grossmann, K. & Grossmann, K.E. (2015): Bindung und menschliche Entwicklung: John Bowlby, Mary Ainsworth und die Grundlagen der Bindungstheorie. Klett-Cotta, Stuttgart.
  14. Thériault-Couture, N. et al. (2025): Child Vocabulary and Developmental Growth in Executive Functions During Toddlerhood. Developmental Science, PMC11910967. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11910967/
  15. Screen Time & Executive Functions (2024): Screen time exposure and executive functions in preschool children. Scientific Reports, Nature, 14:27804. https://www.nature.com/articles/s41598-024-79290-6
  16. Howard, S.J. & Williams, K.E. (2018): Early Self-Regulation, Early Self-Regulatory Change, and Their Longitudinal Relations to Adolescents' Academic, Health, and Mental Well-Being Outcomes. Journal of Developmental & Behavioral Pediatrics, 39(6), 489–496.
  17. Gabard-Durnam, L. (2024): Predictable Caregivers Boost Infant Brain Development. PINE Lab, Northeastern University. https://news.northeastern.edu/2024/10/31/infant-brain-development-research/
  18. Jenni, O.G. (2022): Grenzsteine der Entwicklung: Ein Früherkennungskonzept. Monatsschrift Kinderheilkunde, 170, 287–297. Springer.
  19. Kärtner, J. & Köster, M. (2024): Early social-cognitive development as a dynamic developmental system – a lifeworld approach. Frontiers in Psychology, 15:1399903. https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2024.1399903/full
  20. Pro Juventute (o.D.): Elternberatung. https://www.projuventute.ch/de/eltern
Jubiläumsangebot für Familien

25 Jahre Little Star. 25% fĂĽr Sie.

Seit 2001 begleiten wir Familien in Zürich und Zug. Zum Jubiläum schenken wir Ihnen 25% Rabatt auf die ersten 5 Monate Betreuung.Unsere Familienberaterin nimmt sich gerne Zeit für ein persönliches Gespräch, um all Ihre Fragen zu beantworten und Ihnen unsere Räumlichkeiten zu zeigen.
‍
âś“ Zweisprachig (DE/EN)
âś“ FamiliengefĂĽhrt seit 2001
âś“ Standorte in Kilchberg, Sihlcity & Zug

⏰ Bei Einschreibung bis August — nur solange der Vorrat reicht!

Besichtigung vereinbaren
Jetzt anrufen

Andere Blog-Artikel